Reuchlin-Projekt

Projektbeschreibung und Werkstatteinblick

Als unsere siebenköpfige Gruppe aus der neunten Klasse, im Lateinunterricht am Anfang der Lektürephase stehend, gefragt wurde, womit sie sich in ihrem geisteswissenschaftlich orientierten Förderprojekt für Begabte befassen wolle, entschied sie sich schnell und eindeutig für das Wirken des Namenspatrons ihrer Schule, des Reuchlin-Gymnasiums Pforzheim. Zweimal in der Woche versammelten sich die Mitglieder des Projektkurses ähnlich einer guten Gewohnheit Johannes Reuchlins in ihrer Denkstube. Auch dieser war bestrebt, Basistexte der abendländischen Kultur durch Lesen in der Originalsprache im Kern zu erfassen. Die entsprechende Vorgehensweise folgte dem berühmten Grundsatz der Humanisten, auf den sich auch Reuchlin oft bezog: „Ad fontes!“ - „zu den Quellen!“. In diesem Sinne verfasste er auch einen Widmungsbrief zu seiner Hebräischgrammatik De rudimentis hebraicis von 1506, welchen er an seinen Bruder Dionysius adressierte. 

Wer hätte gedacht, dass allein die „Gebrauchsanleitung“ des Buches, der sogenannte „Canon“, der in Versform verfasst ist, bereits einen ersten Eindruck von der Schwierigkeit des Textes liefern würde ‒ zumal wir bis dahin nur Lehrbuchtexte übersetzt hatten und es deswegen ein großer Umstieg für uns war. Allein der voluminöse erste Satz des Widmungstextes entsprach einer ganzen Lektion unseres Schulbuches. Im Gegensatz zu unseren Unterrichtsmaterialien fanden sich in unserem Originaldruck einige uns zu diesem Zeitpunkt noch unbekannte Abkürzungen, die wir jedoch durch die regelmäßige Lektüre des Textes schnell erlernen durften. Dabei stand uns Adriano Cappelli mit seinem Lexicon Abbreviaturarum zur Seite. Trotzdem ließen wir uns natürlich nicht entmutigen, sondern stürzten uns voller Eifer in die Übersetzung, wobei Herr Boyé uns auch mit kolometrischen Gliederungen zu Hilfe eilte. Bereits damals war uns klar, dass wir mehrere Übersetzungsdurchgänge benötigen würden. Der erste bestand daraus, eine vollständige Rohübersetzung anzufertigen, welche bei manchen Schülern bis zu 15 handgeschriebene Seiten einnahm. Im zweiten überarbeiteten wir unsere Übersetzung und prüften sie auf Fehler. Die Überarbeitung fand aber auch schon parallel zur Rohübersetzung statt. Teilweise mussten wir sogar ganze Sätze neu übersetzen. Im letzten Durchgang verfeinerten wir Formulierungen und Ausdrücke. Auch unser teilweise etwas lückenhaftes Vokabelwissen konnten wir mittels des Georges, eines 6500seitigen zweibändigen „Handwörterbuches“ überwinden. Außer den Vokabelproblemen hatten wir auch andere Hürden zu bewältigen. Reuchlin benutzte zum Beispiel auch die antiken Stammesbezeichnungen. So zogen wir, als uns im Text die Piktonen begegneten einen umfangreichen Artikel aus dem Pauly zu Rate. Als wir später die Commentarii de bello Gallico übersetzten, begegneten uns diese wieder. 

Ein noch größeres Problem als ein unbekanntes Wort ist jedoch ein nicht vorhandenes Wort. Beim Versuch, einen besonders unübersichtlichen Satz zu entwirren, fehlte eine entscheidende Verbform. Möglicherweise war diese beim Setzen des Textes abhandengekommen. Das erste und einzige Mal schauten wir in der lateinischen Aufbereitung von Herrn Dr. Dall'Asta nach. Nicht nur hier, sondern auch bei einigen Treffen stand er uns tatkräftig zur Seite und war bei Fragen als ausgewiesener Reuchlinkenner stets unser Ansprechpartner. Eines dieser Treffen war der Ausflug in das Reuchlinmuseum an der Schloßkirche, bei dem er uns Fachwissen über Reuchlin und dessen Familie weitergeben konnte. Die ausführliche Führung übernahm Herr Dr. Timm, der als Reuchlinbeauftragter der Stadt Pforzheim das Museum in- und auswendig kennt. Ihm verdanken wir auch die Idee der Beschäftigung mit dem Widmungsbrief. Dabei konnten wir viel wertvolles Wissen aufnehmen, das uns stets bei der Arbeit im Projektkurs hilft. Herr Boyé sorgte neben der inhaltlichen Betreuung stets für Nachschub an Tee und Knabbereien. Bei unserem zweiten Ausflug, der uns in das Staatsarchiv in Stuttgart führte, erhielten wir einen Einblick in die Anfänge der Papierherstellung Deutschlands. Ähnliche geplante Termine sind verschoben, aber nicht aufgehoben.  

Ein Beispiel für die Überlegungen zu mehrdeutigen Textstellen

Reuchlin verfasste den Text in einem perfekten ciceronianischen Latein mit teils längeren Satzperioden. Klare Regeln für Zeichensetzung gab es in der Zeit der Humanisten wiederum nicht. So ergab sich an einigen Stellen für uns eine Erörterung darüber, wie der Satzbau gemeint sein könnte. Am Ende kamen wir aber stets zu schlüssigen Entscheidungen. Als Beispiel sei nachfolgend eine Gegenüberstellung von diskutierten Varianten nach dem Einrückmodell vorgestellt. Hauptsätze liegen am linken Rand, Nebensätze werden nach dem Grad ihrer Unterordnung in Tabulaturschritten eingerückt:  Bildschirmfoto 2022 07 29 um 11.18.18

Die Passage mit der deutsche Entsprechung: 

Selbst wenn deren Vermittlung wie für Kinder gedacht scheint, so hat sie dennoch nicht nur keinen geringen Wert, sondern muss als die Allerbedeutendste nicht anders als unsere kleinen Kinder geküsst und fest umarmt werden, weil eine noch tiefer gehende Kenntnis aus diesem Unterricht hervorgeht, die durch das Zusammenspiel der Buchstaben genährt und durch die Vertrautheit mit der hebräischen Ausdrucksweise sowie durch die wiederholte Lektüre der uralten Schriften gefestigt wird. 

Zweitprojekt der inzwischen fünfköpfigen Gruppe ist die Urübersetzung von Reuchlins Predigthandbuch. Siehe hierzu den entsprechenden Text. 

 

 

 

Verfasser: Julius Birk, Corinne Brassat, Luca Brunner, Maximilian Hammrich, Daniel Hutter, Hanna Schuler, Axelle Wille. 

Vorstellung der kolometrischen Satzaufbereitung: Karl Boyé. 

Photos: Désirée Kirschler