Vorhang auf: Goethes „Iphigenie“ am Theater Pforzheim

Das Drama „Iphigenie auf Tauris“ von Johann Wolfgang von Goethe gehört zu den Klassikern der Literaturgeschichte und bietet in seiner zeitlosen Aktualität ein fesselndes Theatererlebnis, was Grund genug für das Theater Pforzheim war, es nach Ende der coronabedingten Pause wieder auf die Bühne zu bringen und für uns, dieses Stück im Rahmen des Leistungskurses Deutsch (KS1) zusammen mit unserem Kursleiter Herrn Aschenbrenner am Donnerstag, 7. Oktober 2021, zu besuchen.

Dank der Stückeinführung durch den Theaterpädagogen Michael Schmidt konnten sich alle in der antiken, mythischen Welt dieses Schauspiels zurechtfinden, denn das Stück „Iphigenie auf Tauris“ basiert auf einem Stoff aus der griechischen Mythologie, der immer wieder neu ausgestaltet wurde. Erstmalig 412 v. Chr. vom griechischen Dramatiker Euripides in eine Tragödie gefasst, wurde das Stück 1786 erneut von Johann Wolfgang von Goethe als Versdrama auf die Bühne gebracht. In Goethes Fassung kommt dem menschlichen, nach humanistischen Gesichtspunkten ausgerichteten Handeln eine stärkere Gewichtung zu, der Mensch ist selbstbestimmter und nicht mehr bloßer Spielball in den Händen der Götter. Die Tempelpriesterin Iphigenie, von der Göttin Diana vor dem Tod errettet, möchte, dass der auf ihrer Familie lastende Fluch der Götter endet. Sie spürt aber, dass ihr dieser Segen nicht zuteil wird, wenn ihr eigenes Handeln auf Lug und Betrug aufbaut. König Thoas von Tauris hatte ihr zu Liebe den Kult des Menschenopfers abgeschafft, um ihn dann aber aufgrund ihrer Zurückweisung wieder einzuführen. Iphigenie möchte ihren Bruder Orest, der geopfert werden soll, retten und auf der Flucht begleiten, will aber gleichzeitig die Bürger von Tauris nicht hintergehen. Deshalb offenbart sie sich dem Thoas, der sich zunächst an ihr und ihrem Bruder rächen will. Als die Geschwister mit Vernunft und Menschlichkeit argumentierend an Thoas herantreten, lässt dieser sie schließlich ziehen. Damit haben in Goethes Version auf Werten basiertes Handeln, Humanität, Aufrichtigkeit, Orests Reue, Thoas Einsicht und Iphigenies edle Gesinnung und damit das Gute im Menschen über das Böse gesiegt, was Goethes Schauspiel zum Werk der Weimarer Klassik schlechthin macht.

Auch anlässlich des beginnenden Reuchlin-Jahres 2022 und einer sich wandelnden Gesellschaft lohnt sich die Beschäftigung mit Fragen der Humanität und Vernunft. Im Anschluss an die Aufführung waren die Schauspieler bereit, uns noch persönlich wichtige Fragen zu beantworten, beispielsweise wie es Nika Wanderer als Iphigenie gelungen ist, die gewaltigen Dialoge in altertümlicher Sprache auswendig zu lernen. Insgesamt war es ein gelungener Einstieg in die Epoche der Weimarer Klassik und eine spannende Erfahrung, aus der wir viele neue Eindrücke mitnehmen konnten.

Text: Sarah Hassan

Bild: Michael Schmidt (Theater Pforzheim)